Königlicher Besuch in der Realschule Rheinmünster - Jörg Kräuter hält Hof

 Spurensuche nach dem badischen Charakter

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Der GAU, das heißt die „größte angenommene Unterhaltung“, ist an diesem Freitagabend in der Aula unserer Realschule zur Freude der 300 Besucher eingetreten. Der „König von Baden“, Kabarettist Jörg Kräuter aus Bühl, nahm mit Wortspielereien, spitzfindigen Übertreibungen, viel Selbstironie und einer gehörigen Portion scharfzüngiger Analyse seine Zuhörer auf eine herzerfrischende Erkundungstour durch unser Heimatland Baden mit.

Als Rektor Nikolaus Krippl bei der Begrüßung die bisherigen Highlights kultureller Veranstaltungen zum so genannten Peru-Tag Revue passieren ließ, konnte er noch nicht ahnen, welches Feuerwerk an diesem Kabarettabend für die zahlreichen Besucher der vom Förderkreis unserer Schule initiierten Veranstaltung gezündet würde. Analytisch stellte der aus dem Murgtal, dem „badischen Gaza-Streifen“, stammende, gelernte Erzieher die Leitfrage des Abends schlechthin: „Wer ist der Badener?“ Deutlich hebt er sich natürlich vom Schwaben ab. Die Landsleute am Rhein kennen die Bewohner vom Neckar höchstens aus dem Speiseangebot als „Schwäbische Mountainbiker“, die sodann mit badischem Riesling halbwegs verdaulich werden können. Sprachlich erkennt man den Ur-Badener am Gebrauch der Pronomen: Wir-Mir-Mich-Meins. Wenn Kräuter sprachspielerisch auch noch die Landeshauptstadt der Rheinlandpfälzer einbaut, merkt auch der letzte Gast, dass die besonderen Eigenheiten der hiesigen Landsleute treffsicher erkannt wurden. Mit bestechender Selbstironie nimmt er die alt gewordenen Badener, „die Ü 65“, auf die Schippe. SWR 4 hören, den Jungen keinen Platz machen wollen, den Berufsjugendlichen spielen und „Kukident, Kukident, zum Städtele hinaus“ singen, so seine satirische Sicht zur alten Generation, die „auch noch Marienhof überleben“ wird.

Musikalisch entführte der Vollblutkabarettist seine begeisterten Zuhörer immer wieder in die Tiefen der badischen Seele. „Häälinge“, der Murgtalsong, gab Einblicke ins menschliche Zusammenleben, „Liebe auf dem Kachelofen“ deutete das Liebesleben im badischen Raum an. Beim Refrain „Traudl, leg’ e Brikettl uff“ bricht Kräuter seine Gedankenspiele süffisant ab, zumal jeder im Publikum ahnt, welche Lösung das Geschlechterspielchen nimmt.

Auch statistisch erfährt „der Gast am Hof des Königs von Baden“ viel über die hiesige Bevölkerung. Pro Kopf entfallen 1,95 m Jägerzaun auf jeden Badener, der Kachelofen kommt genauso wie der Kraftwagen aus unserer Region, Drais gilt allgemein als Erfinder des Fahrrades und aus Tannenzapfen können wir Bier brauen – das Fazit ist klar: „Mir henn’s gut!“

Bodenständigkeit beweist Kräuter in seinen Ausführungen zur Reiselust der Normaldeutschen. Er, als Badener, lehnt das angeberische Gehabe der übrigen Deutschen ab. Warum in die weite Welt schweifen, wenn der Europark Rust alles komprimiert auf engstem Raum im Heimatbereich bietet?

Augenzwinkernd kritisch folgte eine Betrachtung der jugendlichen Badener. Tag für Tag werden sie dem Terrorismus der Döner-Kultur ausgeliefert. Wer die mit Fleisch gefüllten Fladen verzehre, wird automatisch zum Sprengkörper! Die Jugend verliert ihre heimatlichen Empfindungen, wenn sie den Kalbsbraten nur noch hochkant auf dem Sonntagstisch akzeptiert.

Zur Hochform lief Kräuter auf, als er aus dem Nähkästchen des „Bühlertäler Handarbeits-Triathlon“ berichtete. Die Pointen vom Männerstrickverein „Geile Masche“ riefen beim Publikum Lachsalven hervor, insbesondere beim neuesten Gemeinschaftswerk: “Wir stricken aus wasserabweisender Baumwolle ein Bierzelt für 3000 Personen!“

In wehmütigen Erinnerungen schwelgte Familienvater Kräuter beim Rückblick auf die Zeit des Wirtschaftswunders. Im ersten Benz der Baureihe 180 an die oberitalienischen Seen, natürlich mit dem eingepackten Proviant so schwer, dass der Wagen erst auf der Höhe von Mailand zu stoppen war. Auch das sonntägliche Familienritual „Kaffeetrinken“ blieb ihm unvergessen. Wer so genau beobachten kann wie Kräuter, der ist von mancher Wahrheit allerdings nicht weit entfernt.

Seine Begabung zur Schauspielerei bewies Jörg Kräuter zum Schluss des überaus amüsanten, sehr kurzweiligen und gelungenen Kabarettabends mit der „Ode an den Wein“. In der Rolle des betrunkenen  Großvaters zählte er nochmals die Vorzüge auf, ein durch und durch Badener zu sein. Mehr Nationalstolz war an diesem Abend nicht mehr möglich.

Mit Ovationen verabschiedete sich das Publikum vom „König von Baden“. Der Vorsitzende des Förderkreises, Dr. Hans Claßen, und der Schulleiter, Rektor Nikolaus Krippl, dankten mit einem kleinen Präsent Jörg Kräuter für seinen fulminanten Auftritt in der Aula unserer Schule.

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R. Wagner / O. Frietsch     11/2009                 Fotos: Wagner

Web AG: Florian Burkard