Shlomo Graber hält ergreifenden Vortrag: Kein Hass trotz all des erfahrenen Leids

Realschüler erleben einen der letzten Holocaust-Zeitzeugen

 

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Geschichte hautnah – das erlebten die Neunt- und Zehntklässler der Realschule Rheinmünster am Montag, 12.03.2018, als der jüdische Holocaust-Überlebende Shlomo Graber an der Schule zu Gast war.

 

 

Still und ergriffen lauschten die 180 in der Aula versammelten Schüler den Erzählungen des 92-Jährigen:

Geboren wurde Shlomo Graber 1926 in den tschechischen Karparten. Seine Kindheit verbrachte er in Ungarn, bis er im Jahr 1941 mit seiner Familie als Staatenloser nach Polen deportiert wurde. Als sei es erst gestern gewesen, schilderte Shlomo Graber, wie er und seine Familie am 25. Mai 1944 von den Nazis zum Bahnhof getrieben und schließlich in Zugwaggons gepfercht worden waren. „Keiner wusste, wohin es ging. In jedem Waggon waren siebzig Menschen. Sie gaben uns einen Eimer als Toilette und einen weiteren mit Wasser. Es war dunkel und die Kinder weinten. Ich war damals 17 Jahre alt.“ Drei Tage später kam der Zug im KZ Auschwitz an.

Dort folgte dann die so genannte „Selektion“, bei der Shlomo und sein Vater von der Mutter und den jüngeren Geschwistern getrennt wurden. Seine Mutter gab ihm bei diesem letzten Kontakt mit auf den Weg: „Sei stark und lass‘ keinen Hass in dein Herz. Liebe ist stärker als Hass, mein Sohn! Vergiss das nie.“ Diesen Rat seiner Mutter, kurz bevor sie mit vielen anderen „in einer Staubwolke für immer verschwand“ und bereits eine Stunde nach Ankunft in Auschwitz ihr Leben in der Gaskammer verlor, hat Shlomo Graber bis heute beherzigt.

So antwortete er auch auf die Frage eines Schülers, ob er bei all der Gewalt und den Erniedrigungen, die ihm widerfahren sind, denn keinen Hass empfunden habe: „Hätte ich Hass gehabt – was wäre besser gewesen?“ Diese Antwort und überhaupt die Begegnung mit einem Menschen, der durch den Nazi-Terror einundsechzig Familienmitglieder verloren hat und dem dadurch nicht seine Menschlichkeit und sein Glaube an das Gute genommen werden konnten, beeindruckte das junge Publikum sehr. Im Geschichtsunterricht hatten die Neunt- und Zehntklässler schon viel über die Nazi-Zeit gehört, und nun waren die Dinge, die ihnen im Unterricht so weit weg erschienen waren, plötzlich doch ganz nah und machten betroffen.

Shlomo Graber überlebte drei Konzentrationslager, musste Zwangsarbeit verrichten und wurde im Februar 1944 von den Nazis im Zuge der Evakuierung des KZs auf einen Todesmarsch geschickt. Diesen überlebten von den ursprünglich 1.500 Menschen nur 500: „Wer zusammenbrach, wurde sofort erschossen.“ Auf unter dreißig Kilogramm abgemagert, wurden Shlomo Graber und sein Vater am 8. Mai 1945 schließlich von russischen Soldaten befreit. Shlomo Graber siedelte 1948 nach Israel über, wo er fast vierzig Jahre lang lebte. Seit 1989 wohnt er mit seiner zweiten Frau Myrtha Hunziker in Basel, wo er als Kunstmaler und Referent tätig ist.

 

 

So lange er kann, will er jungen Menschen von seinen Erfahrungen berichten. Er blickt optimistisch in die Zukunft und antwortete in diesem Sinne auf die Frage eines Schülers, ob sich seiner Meinung nach so etwas wie der Holocaust wiederholen könne, mit fester Stimme: „Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube an die friedensstiftende Kraft der Demokratie. Die Demokratie muss erhalten und stark bleiben!“ Ermöglicht wurde der Besuch eines der letzten Holocaust-Überlebenden an der Realschule durch die Initiative von Geschichtslehrerin Tanja Seidelmann. Sie ist an der Schwarzacher Bildungsstätte zuständig für das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, an dem sich die Schule seit 2014 beteiligt. Die Geschichtslehrerin hatte über ihren Rastatter Kollegen Christian Steidle den Kontakt zu dem Zeitzeugen hergestellt und die Veranstaltung organisiert.

 

 

Zusammen mit Schulleiter Rolf Schemel übergab Tanja Seidelmann Shlomo Graber einen gemalten Lebensbaum, auf dem alle 180 anwesenden Schüler ihren Fingerabdruck hinterlassen und unterschrieben hatten. Zahlreiche Schüler nutzten nach Ende des Vortrages noch die Gelegenheit, Shlomo Graber in persönlicherem Rahmen Fragen zu stellen und sich mit diesem mutigen, altersweisen Mann zu unterhalten.

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Text/Fotos: K. Ziegler, Web-AG: M.Binder, O. Frietsch, 03/2018