Klassen 9 im KZ Struthof

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Anfang des Monats Juli besuchten unsere Klassen 9 das KZ Struthof im Elsass, westlich von Straßburg in den Vogesen gelegen. Stellvertretend schildert die 9 c ihre Eindrücke.

Nachdem die Klasse 9 c das Thema „Judenverfolgung-Judenvernichtung-vom Konzentrationslager zum Vernichtungslager“ im Geschichtsunterricht ausgiebig behandelt hatte, lag es nahe, einen Schauplatz dieses bedrückenden Themas auch hautnah zu erleben. Seit vielen Jahren ergänzt unsere Realschule diesen Teil des Geschichtsunterrichts mit einer Lehrfahrt zum Konzentrationslager Natzweiler/Struthof.

Bereits vor Antritt der Lehrfahrt erklärten sich Zweierteams in unserer Klasse dazu bereit, zu bestimmten Stationen vor und im Lager kurze Berichte vorzutragen. Nach einer etwa 1 1/2-stündigen Busfahrt erreichten wir über Straßburg, Mutzig und Schirmeck das KZ, das hoch oben auf dem Champ de Feu, einem Hochplateau des Hohwaldes liegt. Die Infomation, dass wir mit dem Bus auf einer Hochstraße, die von Häftlingen gebaut werden musste, bequem und leicht zum Lager kutschiert werden konnten, ließ den einen oder anderen unter uns schon etwas nachdenklich werden.

Nachdem unser Klassen- und Geschichtslehrer R. Wagner die Anmeldung vorgenommen hatte, gingen wir mit gemischten Gefühlen zum Eingang des KZs, wo uns Sophia M. einen ersten Bericht zu allgemeinen Daten des Konzentrationslagers gab. Im Lager starben zwischen 1941 bis 1944 insgesamt 22000 Menschen durch die Gräueltaten der SS. Das Lager, das für 1500 Häftlinge geplant war, wurde im September 1944 mit 7000 Mann nach Dachau bei München verlegt. Grund für den terrassenförmigen Lagerbau  an diesem Vogesenhang war eine etwa 1 Kilometer oberhalb des Lagers verlaufende Rotgranitader, die zum Steinbruch ausgebaut werden musste. Allein diese körperlich schwere Arbeit forderte sehr hohe Opferzahlen.

Bei der nächsten Station, nahe eines Wachturmes und des Todesstreifens, berichtete unserer Geschichtslehrer von Aussagen ehemaliger Häftlinge, die das KZ überlebten. Brutale Behandlungen, gewalttätige Übergriffe, unmenschliche Gräueltaten und systematische Tötungen standen in der Zeit der NS-Diktatur im Lager Struthof auf der Tagesordnung. Die Baracken, die nicht mehr vorhanden sind, werden durch freie Flächen mit einem Gedenkstein, der an ein anderes KZ erinnern soll, für jeden Besucher nachvollziehbar dargestellt.

Melanie L. und Erika K. stellten eine noch erhaltene Baracke vor, den so genannten Bunker oder das Revier. Auf übelste Art und Weise wurden hier die Häftlinge in Zellen zusammengepfercht. Ein Prügelbock zeugt von Misshandlungen, eine etwa 70 Zentimeter große Dunkelzelle diente der Strafverschärfung. Mitschüler, die für wenige Augenblicke in der Kleinstzelle eingesperrt waren, wollten nach wenigen Sekunden wieder raus. Keiner von uns konnte sich vorstellen, dass Menschen wochenlang so überleben konnten.

Neben dem Revier wurde die ehemalige Aschegrube zur besonderen Gedenkstätte erklärt. Zahlreiche Gedenktafeln und Kranzniederlegungen zeugen davon, dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten ist. Dass bisweilen die Überreste der Toten, in Aschebehältnisse eingeschlossen, im Garten der Kommandantenvilla mit Muttererde vermischt wurden, ließ so manchen von uns erschauern.

Kevin W. und Kevin J. erklärten uns einen besonders schaurigen Ort im Lager: Das Krematorium. Der Verbrennungsofen, Schürhaken an der Wand, Deckenhaken für Stränge und Überreste einer Schuhbegleitung ließen uns alle ganz still werden. Dass die SS mit der Wärmeentwicklung des Verbrennungsofens einen darüber befindlichen Wasserbehälter aufheizte,  machte viele von uns fassungslos und stumm. Angewidert blickten wir auf einen

 OP-Tisch mit Ablaufrinnen für das Blut. Dass gerade in diesem Raum fürchterliche Taten begangen wurden, konnten wir in einem Augenzeugenbericht, der an der Wand angebracht ist,  nachlesen. René Marx, der im Prozess gegen  SS-Führer als Überlebender aussagte, erinnerte sich an eine besonders schlimme Nacht- und Nebelaktion der SS in Struthof: „… dass man die ganze Zeit ein Geräusch gehört habe, das an das Zuknallen einer Tür erinnert habe, und gleichzeitig ersticktes Schreien und Singen. Von all diesen Menschen, die man zum Krematorium gebracht hatte, war nicht mehr übrig als brenzliger Geruch im Lager und ein grauer Rauch, der unaufhörlich vom großen Kamin aufstieg und dann in das Tal hinabsank“.

(Anm. Das Zuknallen einer Tür war es nicht, sondern das Knallen der Sechs-Millimeter-Revolver der SS).

Nils H. und Jannik S. ließen uns am Galgenplatz, dem Appellplatz des Lagers, um den Galgen herum Aufstellung nehmen. Erhängen als Strafe und Abschreckung, stundenlanger Todeskampf am Strang, Demütigungen und Schikanen fanden insbesondere an diesem Platz statt. Der Kontrast zwischen aussichtslosem Lagerleben und der nach Freiheit aussehenden Umgebung in die Vogesen wollten die NS-Bewacher ausdrücklich aufzeigen, um die Widerstandkraft und den Mut der Häftlinge endgültig zu brechen. Loren und metallene Schubkarren erinnern am Galgenplatz an die Aufgabe der Lagerinsassen, nämlich an die Arbeit im Steinbruch. Auf dem Weg vom Steinbruch ins Lager zurück liegt die so genannte Sandgrube. Zahlreiche Häftlinge wurden  in dieser Grube von SS-Leuten hingerichtet.

Die Baracke Nr. 1 wurde zum Museum umgebaut. Zahlreiche Ausstellungsstücke, Kartenmaterial, Schautafeln, Schriftstücke, Bilder der Opfer und der Täter dokumentieren im Detail die Schreckensherrschaft der Nazis auf dem Champ de Feu in den Vogesen bzw. in anderen Konzentrationslagern während der Diktatur des Dritten Reiches.

Unser Klassenlehrer zeigte uns am Ende eines sehr nachdenklichen Lernganges den Kontrast zum Lagerelend: Die nur 150 Meter vom elektrisch  geladenen Stacheldraht entfernt liegende Villa des Lagerkommandanten. Das einst prachtvolle Gebäude mit Pool, heute noch sehr gut erhalten, aber unbewohnt, musste von den Häftlingen, die zu Fuß vom Tal herauf marschieren mussten, passiert werden. Welche Gedanken sie dabei hatten, kann man nur erahnen. 

 

Natzweiler-Struthof steht stellvertretend für alle Konzentrations- und Vernichtungslager in der Nazi-Zeit. Einige Mädchen unserer Klasse haben deshalb im Gästebuch, das im „Europäischen Zentrum des deportierten Widerstandkämpfers“ am Weg zum Lagereingang ausgelegt wurde, auf der Gedenkseite der Klasse 9 C  RS Rheinmünster neben ihren ganz persönlichen Eindrücken eine eindeutige Mahnung eingetragen: „So etwas darf nie mehr geschehen. Dafür wollen wir alle eintreten.“

Weil sich auch noch der Himmel über uns bedenklich verfinsterte, traten wir den Heimweg an. Um die schaurigen Gedanken an Hunger, Elend, Misshandlungen, Tötungen und Gewalt zu verarbeiten, legten wir in Obernai eine Rast ein. Das idyllische  Elsassstädtchen brachte uns zwar auf andere Gedanken, konnte aber die Eindrücke einer mehr als nachdenklichen Lehrfahrt nicht gleich in Vergessenheit geraten  lassen.  

Wir danken allen Referenten und unserem Klassenlehrer für eine besondere Geschichtsstunde,

die uns lange in Erinnerung bleiben wird.

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Text/Fotos: Wagner         Web-AG: Sandra Pannier, 2011/12