Lektüreerlebnis der besonderen Art – 9c im Stadttheater Baden-Baden

 Mord für eine Milliarde

zurück

„Beten Sie für Güllen!“, sagt der Krämer Alfred Ill kurz vor seiner Ermordung zum Dorfpfarrer von Güllen, ein fiktionaler Schweizer Ort in Friedrich Dürrenmatts Tragischer Kömodie „Der Besuch der alten Dame“. Geldgier, Habsucht, Skrupellosigkeit und selbst verschuldete Zwänge treiben einen ganzen Ort zu einer nicht für möglich gehaltenen Tat: Sie töten für eine Milliarde ihren zukünftigen Bürgermeister, einer ihrer beliebtesten Mitbürger, weil eine alte Dame, der ehemals in Güllen übel mitgespielt wurde, dies zur Bedingung ihrer großen Spende gemacht hat. „Konjunktur für eine Leiche“, so die erschütternde Feststellung der Hauptperson Claire Zachanassian in Dürrenmatts Werk aus dem Jahr 1955. 

In der Mitte des Monats Januar konnte die 9c mit ihrem Klassenlehrer das Theaterstück im Stadttheater Baden-Baden hautnah auf der Bühne erleben, nachdem man im Deutschunterricht Dürrenmatts Werk eingehend besprochen und bearbeitet hatte. Allein schon die Atmosphäre eines „richtiges Theaters“ zu erleben, war für viele Teilnehmer ein besonderes Erlebnis an diesem Abend. Viele Schulklassen der näheren Umgebung nutzten die Chance, den Abiturstoff 2012 bzw. das Lektüreangebot einer Realschuloberstufe auf einer Theaterbühne umgesetzt zu erleben und mit der Dürrenmatt‘schen Fassung zu vergleichen. Im ausverkauften Theater am Goetheplatz liefen die Schauspieler in der Wiederaufnahme des immer noch aktuellen Stoffs zur Höchstform auf, was sicherlich nicht selbstverständlich ist, weil gerade beim jungen Publikum erfahrungsgemäß immer eine gewisse Unruhe im Zuschauerraum herrscht, was die Akteure auf der Bühne aus dem Konzept werfen kann. An diesem Abend stimmte jedoch alles –  sehr disziplinierte Zuschauer auf der einen Seite und spielfreudige Schauspieler auf der anderen Seite.

Nicola May, die als Intendantin selbst Regie führte, nahm zwar einige Änderungen vor, blieb aber dem Grundkonzept Dürrenmatts treu. Konsequent nutzte sie die technischen Möglichkeiten der Bühne, ließ ein Auto von oben herab auf die Bühne, damit Alfred Ill eine Abschiedsfahrt mit seiner Familie unternehmen kann, baute eine Treppenempore als Gasthof „Goldener Apostel“ ein und versetzte die Zuschauer mit der Drehbühne voller Palmen in die Niederungen von Pückenried. Minutenlanger  Applaus für alle Schauspieler war der verdiente Lohn, ein Lektüreerlebnis der besonderen Art erlebt zu haben.  

Die Schülerinnen und Schüler der 9c verfolgten das Geschehen sehr aufmerksam und sparten am Ende nicht mit positiver und negativer Kritik. „Mir spielte der Pfarrer seine Rolle zu lustig und humorvoll. Schließlich hätte er Ill trösten müssen“, meinte Laura P. „Am besten hat mir Claire Zachanassian gefallen. So habe ich mir die alte Dame genau vorgestellt. Sie musste rachsüchtig und trotzdem noch voller Zuneigung spielen“, stellte Sophia M. nach über zwei Stunden Theatervergnügen fest. „Mir hat nicht gefallen, dass die Rolle des Lehrers von einer Frau gespielt wurde“, kritisierte Kevin W. Beide Klassensprecher zogen für die Klasse am Ende ein erfreuliches Fazit: „Nicht schlecht, wenn man die Texte aus der Schule gleich auch mal auf einer richtigen Bühne sehen kann.“

 

Die Klasse 9c bedankt sich bei allen Eltern für die geleisteten Fahrdienste.

Nur so konnten die Kosten für den Theaterbesuch in Grenzen gehalten werden.

Herzlichen Dank auch an den Förderkreis der Realschule Rheinmünster, der den

Besuch finanziell unterstützte.

 zurück

R. Wagner / O. Frietsch     1/2012                   Fotos. Wagner   Web-AG: Sandra Pannier, Melanie Lang